Textflash Quintessenz

Heute ist Sperrmülltag für das Wörtchen „nur“

Sätze, mit denen man sich klein macht:

  • Ich habe bisher nur Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Upgrade: Ich habe bisher nur eine Kurzgeschichte in einer Anthologie veröffentlicht. Aber du hast was veröffentlicht!
  • Ich schreibe nur Fantasy / Krimis / Liebesromane / füge ein Genre deiner Wahl ein. Das bedeutet, du hattest eine Idee, du hast die Idee ausgearbeitet, du verfolgst diese Idee konsequent bis zu einem Punkt X, du hast dich mit allem, was du hast, in diese Idee hineingestürzt, kurz: Du hast den Mut gehabt, aus deinen Gedanken etwas Neues entstehen zu lassen.
  • Ich schreibe nur Lyrik. Weißt du, zu welchen lyrischen Höhenflügen die meisten Autoren fähig sind? Lies das: Himmel, Ar*** und Zwirn, man reiche dem Schreiber Hirn, der schreibt und nicht erkennt, dass Lyrik … Ja, und hier hört’s auf, weil mein Wortschatz mich im Stich lässt. Du schreibst Lyrik! Verdammt! Das ist die Königsdisziplin!
  • Ich schreibe nur Artikel für ein Fanzine. Das wahrscheinlich von Leuten gelesen wird, die mit dir darüber diskutieren. Damit hast du mehr Leser erreicht als andere Autoren, die sich ihre Zielgruppe erst mal erarbeiten müssen.
  • Ich schreibe nur für meinen Blog. Du machst deine Meinung öffentlich. Mutig, mein junger Padawan!
  • Ich habe bisher nur ein Buch veröffentlicht. Du hast einen Text verfasst, aus dem z.B. ein Roman geworden ist, und ihn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In diesem Text steckt eine ganze Menge Lebenszeit. Auch das ist mutig, mein junger Padawan.
  • Mein Lieblingssatz: Ich habe bisher nur ein E-Book veröffentlicht. WTF?! Es ist ein Buch!!!

Im Grunde gibt es auf diese ganzen Ich-mach-mich-klein-Sätze nur eine richtige Antwort:

Holla! Hut ab!

Und wie antwortest du, wenn jemand sagt: „Du kannst ja bisher nur Anthologie-Veröffentlichungen / ein Buch / einen Blog / einen Fanzine-Beitrag vorweisen“?

Was heißt da „nur“? Mach mal nach!

Und wenn derjenige damit angibt, dass er „weiter“ ist als du, dann frag ihn:

Weißt du noch, wie das bei deinem ersten Artikel, deinem ersten Blogpost, deinem ersten Buch war? Du hast dich cool gefühlt, oder? Siehst du, und ich finde mich auch cool, egal, ob ich noch ein Buch oder keins oder hundert veröffentliche. Weil ich’s einfach gemacht habe.

So. Wer noch „nurs“ übrig hat, darf sie gern in den Kommentaren einstellen, ich kümmere mich drum.


Bildnachweis: Original uploader was Michael Meding at de.wikipedia – Selbst fotografiert, 2006, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14692805

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10 Kommentare zu “Heute ist Sperrmülltag für das Wörtchen „nur“

  1. Hat dies auf Mein Traum vom eigenen Buch rebloggt und kommentierte:
    Ich gehe mit den teils sehr harten und auf den Punkt formulierten Aussagen von Michaela Stadelmann, bei mir auf dem Blog auch unter ihrem Pseudonym Mikaela Sandberg mit einer Rezension zum Roman „Schweig still“ vertreten, ja längst nicht immer konform. Muss ich auch nicht, denn was gibt es Schöneres als unterschiedliche Standpunkte einnehmen zu dürfen?

    Aber in diesem Fall möchte ich eigentlich bei jedem Satz applaudierend aufstehen und jubelnd die Faust in den Himmel recken!

    Es ist leider immer noch ein Charakteristikum vieler „Nachwuchsautoren“ (wo wächst da was nach?), dass sie sich mit den ganz Großen vergleichen oder vergleichen lassen:

    »Ich habe zwar veröffentlicht, aber ich habe nicht so viele Bestseller wie xy.«

    »Ich habe zwar einen Roman veröffentlicht, aber nur auf eigene Faust, weil ich keinen Verlag gefunden habe.«

    »Ich habe erst einmal nur von dem geschrieben, was ich kenne, weil ich mir etwas anderes nicht zutraue.«

    »Ich habe nur Fanfiction geschrieben, weil mich eine eigene Geschichte nicht so gereizt hat.«

    Ihr seht, wenn man einmal das Fass ansticht, so wie Michaela es getan hat, dann kommen da eine ganze Menge „nur“-Sätze heraus. Und die meisten von ihnen eitern heftig.

    Wenn wir Autoren uns auch immer wieder, wie Michaela richtig schreibt, Bewertungen von außen ausgesetzt sehen, so sollten wir doch endlich damit anfangen, uns selbst und unsere Kolleginnen und Kollegen als das zu begreifen, was wir sind: erschaffende, schöpferische, sogar (ja, ich verwende das Wort) künstlerische Menschen!

    Also lest den Artikel, teilt den Gedanken. Und dann lasst uns alle diesen Tag zum Sperrmülltag erklären. Wie passend ist es da, dass gleichzeitig auch Star-Wars-Day ist: May the forth be with you!

    Gefällt 3 Personen

  2. Bin dabei, beim Spermüll-Dei 🙂 Kann Deinem deutlichen und mutmachenden Aufruf nur wie Michael zustimmen! Künstler sind ohnehin genug von Selbstzweifeln geplagt – da braucht es Rüstungen. Und das Wörtchen „nur“ zu streichen, ist immerhin schon mal ein kleiner Brustpanzer 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    Ich kann nur gut was vortragen, am schreiben hapert es doch noch reichlich. Überhaupt kann ich eigentlich nur literarische Rezeption und dann irgendwie was draus machen …

    Gefällt 1 Person

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